Parentifizierung – wenn Kinder zu Eltern werden

Die Kindheit ist eine prägende Zeit, in der Kinder durch liebevolle Fürsorge und emotionale Unterstützung auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden begleitet werden sollten. Doch nicht immer verläuft dieser Prozess reibungslos. Ein Phänomen, das in diesem Kontext zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Parentifizierung. Dieser Begriff beschreibt eine Situation, in der Kinder unfreiwillig die Rolle der Eltern übernehmen, was drastische Auswirkungen auf den weiteren Lebensverlauf der Betroffenen haben kann.

Die verfrühte Last der Verantwortung: Parentifizierung erklärt

Die Parentifizierung ist ein psychologisches Konzept, welches beschreibt, wie Kinder unfreiwillig und vorzeitig die Rolle von Eltern übernehmen, anstatt selbst die typischen kindlichen Rollen und Aufgaben zu erleben. Dieses Phänomen tritt in Familien auf, in denen Eltern aufgrund von verschiedenen Umständen nicht in der Lage sind angemessen für ihre Kinder zu sorgen.

Die Parentifizierung kann verschiedene Formen annehmen, darunter die Übernahme von elterlichen Pflegeaufgaben, die emotionale Unterstützung der Eltern oder das Managen von Haushaltsangelegenheiten. Durch die frühe Konfrontation mit Situationen, die für die Altersstufe der Kinder nicht angemessen sind, kann ihre Entwicklung beeinträchtigt werden. Zudem können emotionale Belastungen, Stress und eine vorzeitige Reife die psychische Gesundheit der Kinder beeinflussen.

Einblicke in die Ursachen

Die Parentifizierung von Kindern kann auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein. Es handelt sich oft um komplexe familiäre Dynamiken und Umstände, die die normale elterliche Rolle beeinträchtigen:

Suchterkrankungen der Eltern:

Alkoholismus, Drogenmissbrauch oder andere Suchterkrankungen können dazu führen, dass Eltern nicht in der Lage sind angemessen für ihre Kinder zu sorgen. Die Kinder können dann gezwungen sein, die Verantwortung zu übernehmen, um den Mangel an elterlicher Fürsorge auszugleichen.

Psychische Gesundheitsprobleme der Eltern:

Eltern, die mit schweren psychischen Problemen wie Depressionen, Angstzuständen oder anderen Erkrankungen zu kämpfen haben, können möglicherweise nicht die notwendige emotionale Unterstützung und Versorgung für ihre Kinder bereitstellen. Die Kinder können daher in die Rolle des „starken“ Teils der Familie gedrängt werden.

Physische Krankheiten der Eltern:

Auch langwierige oder schwerwiegende körperliche Krankheiten bei den Eltern, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen oder chronische Lungenerkrankungen, können die Fähigkeit beeinträchtigen, die täglichen Bedürfnisse der Familie zu erfüllen.

Finanzielle Schwierigkeiten:

Extrem schwierige finanzielle Verhältnisse können zu einem Mangel an Ressourcen führen, um angemessene Pflege und Unterstützung für die Kinder zu gewährleisten. Infolgedessen können die Kinder gezwungen sein Verantwortung zu übernehmen, um das finanzielle Überleben der Familie zu sichern.

Trennung oder Scheidung:

Trennungen oder Scheidungen können zu einer Umstrukturierung der familiären Rollen führen. In einigen Fällen kann ein Elternteil nach der Trennung die Verantwortung nicht angemessen wahrnehmen und das Kind wird daher in die Position des Versorgers gedrängt.

Fehlende Unterstützungssysteme:

Wenn es in der Familie keine erweiterten Unterstützungssysteme, wie Großeltern, andere Verwandte oder Freunde gibt, können Kinder in eine unterstützende Funktion für ihre Eltern gedrängt werden.

Wie Parentifizierung das Leben der Kinder formt

Die Parentifizierung kann tiefgreifende Auswirkungen auf die Kinder haben, die diese ungewöhnliche Rolle übernehmen müssen. Die Konsequenzen erstrecken sich über verschiedene Aspekte der kindlichen Entwicklung:

Kinder, die parentifiziert werden, sind gezwungen sich um die Bedürfnisse ihrer Eltern zu kümmern, anstatt selbst emotionale Unterstützung zu erhalten. Dies kann zu emotionaler Erschöpfung, Stress und einem Gefühl der Überforderung führen.

Die Parentifizierung raubt Kindern die Möglichkeit eine unbeschwerte Kindheit zu erleben. Sie müssen früh erwachsen werden und verpassen oft die Gelegenheit, typische kindliche Aktivitäten zu genießen. Das kann langfristige Auswirkungen auf ihre soziale und emotionale Entwicklung haben.

Betroffene Kinder können Schwierigkeiten haben gesunde Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Ihre sozialen Fähigkeiten sind oft beeinträchtigt, da sie es gewohnt sind, in der Rolle des Betreuers oder Verantwortlichen zu agieren.

Die Übernahme von Verantwortung für die Eltern kann das Selbstwertgefühl der Kinder beeinträchtigen. Sie könnten das Gefühl haben nicht genug zu sein oder nicht die Chance gehabt zu haben ihre eigenen Bedürfnisse angemessen zu äußern.

Die emotionalen Belastungen, die mit der Parentifizierung einhergehen, können sich auch auf die schulische Leistung auswirken. Kinder haben häufig Schwierigkeiten sich auf ihre schulischen Aufgaben zu konzentrieren, wenn sie gleichzeitig mit den Herausforderungen der elterlichen Verantwortung konfrontiert sind.

Die Auswirkungen der Parentifizierung können variieren und sind von vielen Faktoren abhängig, einschließlich der Dauer und Intensität der Übernahme elterlicher Verantwortung sowie der vorhandenen Unterstützungssysteme.

Spätfolgen im Erwachsenenalter

Die Parentifizierung in der Kindheit kann langfristige Auswirkungen auf das Leben eines Menschen haben, die oft als Spätfolgen bezeichnet werden. Diese Folgen können sich in verschiedenen Lebensbereichen manifestieren:

  • Angststörungen und Depression: Langfristig kann die Parentifizierung das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, die aus der Überlastung und dem Stress resultieren.
  • Berufliche Herausforderungen: Es können Schwierigkeiten im Umgang mit Autoritäten und Angst vor Versagen im beruflichen Kontext auftreten.
  • Selbstfürsorgedefizit: Menschen, die parentifiziert wurden, neigen dazu ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen und sich selbst hintenanzustellen.
  • Schwierigkeiten mit der Elternschaft: Der Mangel an Modellen für eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung kann sich in Unsicherheit und Schwierigkeiten bei der Erziehung niederschlagen.
  • Emotionale Distanz oder Überfürsorglichkeit: Abhängig von der individuellen Reaktion auf die Parentifizierung können Erwachsene dazu neigen emotional distanziert zu sein, um sich zu schützen oder übermäßig fürsorglich und kontrollierend sein.
  • Identitätskrisen: Betroffene Erwachsene können Schwierigkeiten haben ihre eigene Identität unabhängig von der Rolle des Versorgers zu entwickeln.
  • Therapeutische Herausforderungen: Der Zugang zur Therapie stellt häufig eine Herausforderung dar, insbesondere wenn die Übernahme von Verantwortung in der Kindheit dazu geführt hat, dass Schwierigkeiten bestehen die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und um Hilfe zu bitten.

Es ist wichtig zu betonen, dass jeder Mensch individuell auf Parentifizierung reagiert und dass nicht jeder diese Spätfolgen gleichermaßen erleben wird.

Anzeichen und Hinweise aus der Perspektive von Außenstehenden

Ja, als Außenstehender ist es möglich Anzeichen von Parentifizierung bei Kindern zu erkennen! Besonders wenn auf bestimmte Verhaltensmuster und Dynamiken in der Familie geachtet wird:

Vorzeitiges Erwachsenverhalten: Parentifizierte Kinder neigen dazu sich erwachsener zu verhalten, als es ihrem tatsächlichen Alter entspricht. Dies kann sich in ihrer Sprache, ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen widerspiegeln.

Mangelnde kindliche Unbeschwertheit: Das Fehlen von typischen kindlichen Verhaltensweisen, Freuden und Interessen kann auf Parentifizierung hinweisen. Wenn Kinder keine Zeit für Spiel und Freizeitaktivitäten haben, könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass sie zu viele erwachsene Verantwortungen tragen.

Emotionale Überlastung: Parentifizierte Kinder können Anzeichen von emotionalem Stress oder Überlastung zeigen, was sich folglich durch Angst, Depression, Rückzug oder aggressivem Verhalten äußert.

Schulische Probleme: Parentifizierte Kinder weisen im schulischen Kontext nicht selten Konzentrationsschwierigkeiten, Leistungsabfall oder sozialen Problemen mit Gleichaltrigen auf.

Fehlende Selbstfürsorge: Parentifizierung der Kinder kann sich in vernachlässigtem Aussehen, schlechter Ernährung oder einem generellen Mangel an Selbstfürsorge äußern.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Anzeichen nicht zwangsläufig auf Parentifizierung hinweisen müssen, da Kinder unterschiedlich auf stressige Familienverhältnisse reagieren können. Dennoch sollten wiederkehrende Muster und auffällige Verhaltensweisen ernst genommen werden, und gegebenenfalls sollte professionelle Hilfe in Betracht gezogen werden, um die Situation zu evaluieren und angemessen zu intervenieren.

Was mache ich, wenn in meiner Kindheit Parentifizierung stattgefunden hat?

Wenn in Ihrer Kindheit Parentifizierung stattgefunden hat und Sie die Auswirkungen davon spüren, ist es wichtig aktiv Schritte zu unternehmen, um die eigene psychische Gesundheit zu fördern und mögliche Langzeitfolgen zu bewältigen.

Im ersten Schritt ist es wichtig über die Kindheit nachzudenken und die Muster der Parentifizierung zu erkennen sowie zu verstehen, wie diese die eigene Entwicklung beeinflusst haben. Auch sollte akzeptiert werden, dass die Parentifizierung nicht die eigene Schuld ist und dass es in Ordnung ist sich Hilfe zu suchen. Psychotherapie, insbesondere Familientherapie oder Traumatherapie, können dabei hilfreich sein. Zögern Sie ebenfalls nicht Ihre Erlebnisse mit vertrauenswürdigen Freunden oder anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu teilen. Das Sprechen über das Geschehene kann befreiend sein und zusätzliche Unterstützung bieten. Es gilt zudem zu lernen gesunde Grenzen zu setzen, um sicherzustellen, dass Sie nicht übermäßig Verantwortung für andere übernehmen. Nehmen Sie sich Zeit für Hobbys, Entspannung und Aktivitäten, die Freude bereiten. Zum Schluss: Geben Sie sich Zeit um zu heilen! Der Prozess der Verarbeitung kann dauern und es ist wichtig geduldig mit sich selbst zu sein.

Quellenangaben
  • Lenz, A. (2007). Interventionen bei Kindern psychisch kranker Eltern: Grundlagen, Diagnostik und therapeutische Maßnahmen. Hogrefe Verlag GmbH & Company KG, Göttingen.
  • Lenz, A. (2014). Kinder psychisch kranker Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Company KG, Göttingen.
  • Thomä, H., Ahrens, S., Kächele, H., Bilger, A., Cierpka, M., Goudsmit, W., Hohage, R., Hölzer,
    M., Jimenez, J., Köhler, L., Löw-Beer, M. & Marten, R. (2006). Psychoanalytische Therapie: Praxis. Springer, Berlin.
Verena Klein
Autor:in Verena Klein
"Die LIMES Schlosskliniken haben sich auf die Behandlung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen spezialisiert. Mit Hilfe des Blogs möchten wir als Klinikgruppe die verschiedenen psychischen Erkrankungen näher beleuchten und verschiedene Therapien sowie aktuelle Themen vorstellen."

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