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Selbstwert und psychische Erkrankungen

Der Selbstwert lässt sich nicht in Zahlen fassen, messen, wiegen, ablesen oder notieren. Wir kennen keine Maßeinheit dafür, welchen Wert sich Menschen selbst beimessen. In der Psychologie wird Selbstwert als die Einschätzung, die man an sich selbst vornimmt, definiert. Er bündelt unter anderem Erfahrungen, Persönlichkeit, Selbstvertrauen und Selbstachtung.

Warum ist der Selbstwert so schwer zu fassen?

Stellen Sie sich eine Person in ihrem Familien- und Freundeskreis vor, der sie intuitiv einen hohen oder niedrigen Selbstwert zuschreiben würden. Woran machen Sie die Einschätzung fest? Was tut, macht, sagt, fühlt oder denkt eine Person mit hohem oder niedrigen Selbstwert? Vermutlich fallen Ihnen ein paar Anzeichen ein. Selbstwert-Forscher schauen sich z.B. folgende Bereiche an:

Gedanken: „ich bin schwach“ vs. „ich bin stark“
Gefühle: Selbsthass/Zweifel vs. Selbstvertrauen/Freude
Verhalten: selbstverletzendes/gesundheitsgefährdendes Verhalten vs. Sport/gute Ernährung
Erscheinung: Ungepflegt vs. gepflegt
Körperliche Empfindungen: Schmerzen/Anspannung vs. Wohlbefinden/Entspannung

Hinzu kommt, dass unserer Selbstwert nicht einheitlich ist und sich verändern kann. Als Beispiel sei ein Familienvater genannt, der sehr gut mit seinen Kindern zurechtkommt und im Bereich Familie große Zufriedenheit erfährt. Leider läuft es im Job weniger gut: Da er bereits eine Abmahnung erhielt, sorgt er sich bei den derzeitigen Sparmaßnahmen in seiner Firma um seinen Arbeitsplatz. Sein Selbstwert im privaten Bereich ist also hoch, im beruflichen Bereich aber weniger vorhanden und vor allem instabil.

Quellen des Selbstwertes

Das Beispiel macht deutlich, dass der Selbstwert kontext- und rollenabhängig ist. Theorien zum Selbstkonzept und Selbstwert gehen von folgenden Bereichen aus: Leistungsabhängiger, sozialer, emotionaler und körperlicher Selbstwert (s. Shavelson, 1976). Man kann sich das ganze wie eine Hierarchie vorstellen, in der sich der allgemeine Selbstwert von oben nach unten immer weiter untergliedert.

Selbstwert und Psyche – ein komplexer Zusammenhang

Betrachtet man psychische Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Selbstwert, gelangt man in das bekannte Henne-Ei Dilemma: Was war zu erst da? Hat ein niedriger Selbstwert zur psychischen Erkrankung geführt? Oder war es andersherum?

Niedriger Selbstwert begünstigt psychische Erkrankungen
Wenn ein Mensch warum auch immer der Überzeugung ist, dass er nicht so wertvoll ist wie andere, dann kann das gravierend für das psychische Wohlbefinden sein. Diese Überzeugung kann zwar unbewusst auftreten, ist aber dennoch sehr einflussreich sein.

Ein gutes Beispiel für Betroffene, die an geringem Selbstwert leiden, ist eine essgestörte Patienten, die unter einer Magersucht leiden. Figur und Gewicht spielen eine übertriebene Rolle für den Selbstwert. Da ein vermeintliches Übergewicht besteht, ist der Selbstwert dementsprechend gering. Dies führt dazu, dass ein radikales Abnehmverhalten ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit zwanghaft durchgeführt wird.

Niedriger Selbstwert ist ein Symptom psychischer Krankheiten
Bei manchen psychischen Störungen gehört ein verringerter Selbstwert zum Krankheitsbild dazu. Er gilt dann als Symptom. So zum Beispiel bei der depressiven Episode oder der der sozialen Phobie. Vermindertes Selbstwertgefühl kommt hier bei sehr vielen Patienten vor und wird durch die Erkrankung ausgelöst. Es kann sogar gut sein, dass der Selbstwert vor der Erkrankung in weiten Teilen unauffällig war!

Wichtig: Auch ein zu hoher Selbstwert kann eine Folge von psychischen Erkrankungen sein! Dies ist zum Beispiel bei einer Manie oder bei manchen Persönlichkeitsstörungen der Fall. Der erhöhte Selbstwert führt dann zu Selbstüberschätzung und Größenwahnsinn.

Psychische Erkrankungen belasten den Selbstwert
Eine psychische Krise kann den Selbstwert stark beeinträchtigen. Betroffene fragen sich häufig, warum es zu der Erkrankung kam und was sie falsch gemacht haben. Zu den Schuldgefühlen kommt Scham, da oft noch die falsche Überzeugung herrscht, dass psychische Krankheiten ein Zeichen von Schwäche sind. Aus diesem Grund ist die Arbeit am Selbstwert in der Therapie psychischer Erkrankungen von entscheidender Bedeutung.

Selbstwertarbeit in der Prävention und Therapie

Die komplexen Zusammenhänge von Selbstwert und psychischer Gesundheit zeigen, dass ein niedriger Selbstwert a) psychischen Erkrankungen begünstigen und b) ein Symptom bzw. Folge der Erkrankung sein kann. Daraus folgt, dass die Selbstwertarbeit für Prävention und Therapie bedeutsam ist. Oft geht es darum, positive und schöne Erlebnisse im Leben anzureichern. Die Patienten üben sich darin sich selbst mehr Wert beizumessen und sich Gutes zu tun.

Folgende Maßnahmen können den Selbstwert positiv beeinflussen:

Aufbau angenehmer Aktivitäten: Patienten werden dazu aufgefordert, mehr von dem zu tun, was ihnen guttut. Ist die Erkrankung akut, fällt das oft gar nicht so leicht. Die Psychotherapie unterstützt dabei, wieder an schönen Aktivitäten teilzunehmen.
Genusstherapie oder euthyme Therapie: Hier wird das genussvolle Empfinden trainiert. So finden Freude und Lust wieder ihren Platz im Leben. Die entstehende positive Stimmung wirkt sich positiv auf den Selbstwert aus.
Selbstfürsorge und Bedürfnisorientierung: Bei einem hohen Risiko für psychische Erkrankungen oder einer bereits bestehenden Erkrankung können die Betroffenen lernen, eigene Warnsignale für Überlastung besser wahrzunehmen. Denn zum Selbstwert gehört auch, zu erkennen, wann man die eigenen Grenzen überschreitet.
Belohnung: Selbstwert heißt auch, eigene Errungenschaften und Leistungen zu würdigen und sich dementsprechend zu belohnen.
soziales Kompetenztraining: Menschen sind soziale Wesen und schöpfen viel Selbstwert aus gut funktionierenden sozialen Beziehungen. Manchmal fehlen hierzu aber gewisse Fähigkeiten, die aber erlernt werden können. Hierzu bieten Psychotherapeuten soziales Kompetenztraining an.
Veränderung selbstwertschädigender Gedanken: Viele Menschen haben einen sehr radikalen inneren Kritiker. Dieser sorgt immer wieder für Gedanken wie „Ich bin nichts wert“ oder „Mir kann es gar nicht gut gehen“. In der kognitiven Umstrukturierung wird versucht, diesen Gedanken auf die Schliche zu kommen und sie zu verändern.

Vielleicht hat Sie dieser Artikel angeregt, sich über Ihren eigenen Selbstwert Gedanken zu machen. Es ist immer hilfreich sich folgendes zu fragen: Was kann ich mir heute noch Gutes tun? Denn jeder einzelne Mensch ist es wert, pfleglich mit sich selbst umzugehen und sein Leben so zufrieden wie möglich zu gestalten.

Autor/in:
Friederike Reuver

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