Hypochondrische Störungen: Die Überzeugung, unter einer körperlichen Krankheit zu leiden

19. Juli 2021

Die Begriffe „Hypochondrie“ oder „Hypochonder“ werden von vielen Menschen umgangssprachlich verwendet. Sie bezeichnen Menschen, die sich ständig Sorgen um ihre Gesundheit machen und Angst davor haben an diversen körperlichen Erkrankungen wie beispielsweise Krebs zu leiden. Eine diagnostizierte hypochondrische Störung, wie sie in der Fachsprache genannt wird, kann jedoch weit größere Ausmaße annehmen und bei den Betroffenen starkes Leid verursachen. Doch was unterscheidet gelegentliche Gesundheitssorgen von einer hypochondrischen Störung und wie wird eine hypochondrische Störung behandelt? Dieser Blogartikel liefert Antworten auf diese Fragen.

Hauptmerkmale einer hypochondrischen Störung

Das Hauptmerkmal einer hypochondrischen Störung ist die Überzeugung, unter einer körperlichen Krankheit zu leiden. Diese Überzeugung löst bei den Betroffenen starke Ängste, Anspannung, Druck und Verzweiflung aus. Oft sind sie der Annahme, dass die Krankheit nur deswegen nicht erkannt wird, weil Fachleute nicht die richtigen Diagnoseinstrumente anwenden oder nicht entsprechend geschult sind. Entscheidend ist, dass die Patienten sich die Symptome nicht „ausdenken“. Die Symptome sind tatsächlich vorhanden und subjektiv spürbar. Doch eine körperliche Ursache liegt nicht vor.

Exkurs: Eine hypochondrische Störung kann sich auf jede Krankheit beziehen. Es gibt jedoch Krankheiten, die Betroffene gehäuft bei sich selbst vermuten. Dazu gehören Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems (zum Beispiel Multiple Sklerose oder Demenz), Infektionen (zum Beispiel HIV) oder Herzerkrankungen.

Wichtig ist es, festzustellen, ob es sich möglicherweise um eine vorübergehende hypochondrische Störung aus nachvollziehbaren Gründen handelt. So sind Betroffene eines Herzinfarktes, Schlaganfalles oder ähnlich gravierenden Erkrankungen verständlicherweise sehr sensibel gegenüber körperlichen Symptomen. Auch in der derzeitigen Corona-Pandemie sind viele Menschen aufmerksamer gegenüber Krankheitssymptomen und machen sich schneller Sorgen.

Hypochondrische Störung, Simulation oder Krankheitsphobie?

Eine hypochondrische Störung muss sorgfältig von anderen Krankheitsbildern abgegrenzt werden. Zum Beispiel besteht Verwechslungsgefahr mit der Krankheitsphobie. Hier liegt zwar eine starke Angst vor Erkrankungen vor, jedoch verspüren die Betroffenen keine körperlichen Symptome. Ihre Angst wird also hauptsächlich durch Gedanken und Gefühle ausgelöst. Auch der Unterschied zur Simulation ist bedeutsam. Bei der Simulation handelt es sich um ein Beharren auf körperlichen Symptomen, die aber in der Realität nicht vorhanden sind. Meist hat die Simulation das Ziel, eine bestimmte Diagnose zu erreichen. Der Hintergrund kann eine Berentung, das Erschleichen von Leistungen oder die Freistellung von Verpflichtungen sein.

Hypochondrische Störungen sind schwer zu erkennen

Bis eine hypochondrische Störung diagnostiziert wird, vergehen oft viele Jahre. Natürlich werden erst einmal zahlreiche körperliche Diagnostiken durchgeführt, oft auch auf massives Drängen der Patienten hin. Krankheitswertig wird es dann, wenn die Überzeugung, eine ernsthafte körperliche Erkrankung zu haben, bestehen bleibt, selbst wenn ein medizinisch eindeutiger Befund dagegenspricht. Oft beginnt dann eine Odyssee an Arztbesuchen. Ständig werden neue Fachleute zu Rate gezogen. Eine erneute Bestätigung, dass keine ernsthafte Erkrankung vorliegt, schafft oft zwar kurzzeitig Erleichterung, doch die alten Ängste und Zweifel schleichen sich sehr schnell wieder ein.

Hinweise auf eine hypochondrische Störung

Nach und nach dreht sich bei den Betroffenen alles um die vermeintliche Krankheit. Häufig liegt das sogenannte „body checking“ in ausgeprägter Form vor: Der Körper wird abgetastet und untersucht, es erfolgt eine ständige Kontrolle von Herzschlag, Blutdruck, Gewicht, Leistungsfähigkeit, Atemvolumen oder Hautveränderungen. Zudem kommt es zu einem starken Rückversicherungsverhalten, das heißt, Betroffene fragen immer wieder die Menschen in ihrem Umfeld, ob ihnen womöglich Veränderungen oder Symptome aufgefallen sind. Auch das Internet wird ständig als Informationsquelle genutzt, mit dem großen Nachteil, dass dort häufig nur die schlimmsten Symptomverläufe und Ausprägungen geschildert werden. So verstärkt sich der Teufelskreis der Angst.

Exkurs: In extremen Fällen kann sich ein sogenannter hypochondrischer Wahn entwickeln. In diesem Zustand sind die Betroffenen nicht mehr zugänglich und steigern sich im extremen Ausmaß in die Befürchtung herein, unter einer unheilbaren und unentdeckten Krankheit zu leiden.

Woher kommt eine hypochondrische Störung?

Die Entstehungsgeschichte einer hypochondrischen Störung ist, wie bei allen psychischen Erkrankungen, höchst individuell. Dennoch lassen sich einige Risikofaktoren benennen. Die Patienten bringen häufig ungünstige Lernerfahrungen zum Thema Krankheiten und Umgang mit körperlichen Symptomen mit. So ist es einerseits möglich, dass von früher Kindheit an ein sehr ängstlicher und unsicherer Umgang mit Krankheiten und Körpersymptomen vermittelt wurde. Andererseits ist es aber auch denkbar, dass Körpersymptome, oder auch andere innere Empfindungen, wie Sorgen, Ängste oder Wut, bagatellisiert wurden und nie zur Sprache kamen. Wie auch immer wurde oft kein angemessener Umgang mit körperlichen Empfindungen gelernt, sodass auf diese schnell mit starken Ängsten reagiert wird.

Verzerrte Wahrnehmung und Stress bei hypochondrischen Störungen

Auch die Wahrnehmungsebene spielt bei hypochondrischen Störungen eine Rolle. Jeder von uns kennt das Phänomen der selektiven Wahrnehmung: Sind wir gedanklich stets beim gleichen Thema, nehmen wir häufiger Dinge wahr, die in Zusammenhang mit diesem Thema stehen. Wenn sich also alles um Krankheiten dreht, gelangen selbst schwach ausgeprägte Körpersymptome ins Bewusstsein. Da die Wahrnehmung von Körpersymptomen mit starker Angst besetzt ist, reagiert der Körper mit Stress. Das Stresserleben verschärft die Situation weiter, denn unter Stress ist die Wahrnehmung für körperliche Symptome geschärft und Beruhigung und Entspannung werden immer schwieriger.

Exkurs: Eine hypochondrische Störung kann mit weiteren psychischen Störungen einhergehen. So kann sie zum Beispiel in Verbindung mit Angsterkrankungen oder Depressionen auftauchen, oder aber die Entstehung dieser begünstigen.

Die Behandlung hypochondrischer Störungen

Die Behandlung einer hypochondrischen Störung stellt eine Herausforderung dar. Die Betroffenen leiden ja gerade unter der starken Überzeugung, tatsächlich eine körperliche Erkrankung zu haben! Wird dann die Möglichkeit benannt, dass auch psychische Anteile hinter der Symptomatik stecken können, kommt es oft zu starkem Widerstand. Ein behutsames Vorgehen ist vonnöten. Schritt für Schritt lernen die Betroffenen in der Behandlung, wie Körpersymptome, Ängste, Lernerfahrungen und Stress miteinander zusammenhängen.

Mit der Zeit wird so ein neuer Umgang mit dem eigenen Körper und seinen Empfindungen erlernt und die Angst, an einer Erkrankung zu leiden, nimmt ab. Sorgen, Rückversicherungsverhalten und die ständigen Arztbesuche werden reduziert und die so gewonnene Zeit und Energie kann die Lebensqualität stark erhöhen. Die Patienten finden die Balance zwischen einer gesunden Achtsamkeit für den eigenen Körper notwendigen Vorsorgeuntersuchungen auf der einen Seite und einer übermäßigen Beschäftigung mit möglichen Erkrankungen auf der anderen Seite.

Da beim Krankheitsbild der hypochondrischen Störung körperliche und psychische Symptome Hand in Hand gehen, ist eine psychosomatische Behandlung sinnvoll. Hier bieten die LIMES Schlosskliniken als Fachkliniken für Psychosomatik und Psychiatrie das passende Behandlungsangebot.

Quellenangaben

(1) Kapfhammer, H. P. (2008). Somatoforme Störungen. Der Nervenarzt79(1), 99-117.

(2) Lahmann, C., Henningsen, P., Noll-Hussong, M., & Dinkel, A. (2010). Somatoforme Störungen. PPmP-Psychotherapie· Psychosomatik· Medizinische Psychologie60(06), 227-236.

(3) Langs, G., Bachmann, M., Schramm, S., & Nutzinger, D. O. (2002). Subjektive Krankheitsmodelle bei Patienten mit Panikstörung, Hypochondrie und Somatisierungsstörung. Verhaltenstherapie12(1), 19-25.

Friederike Reuver
Autor:in Friederike Reuver
"Das Bewusstsein für psychische Gesundheit ist erfreulicherweise enorm gestiegen. Die LIMES Schlosskliniken liefern zu diesem Thema nicht nur wertvolle Informationen sondern auch wirksame Behandlungskonzepte, die die psychische Gesundheit nachhaltig stärken."

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