Achtung: Das sind die Anzeichen für eine behandlungsbedürftige Depression

„Da wird man ja depressiv“, „Ich fühle mich heute richtig depri“, „Die Montags-Depression“… Der Begriff Depression wird oft als umgangssprachliche Bezeichnung für ein Stimmungstief, miese Laune oder mangelnde Motivation genutzt. Dass das Leben nicht immer der sprichwörtliche Friede-Freude-Eierkuchen ist, ist uns bewusst. Höhen und Tiefen gehören zum Menschsein dazu. Aber was ist, wenn die gedrückte Stimmung über Wochen und Monate anhält? Wenn die schönen Seiten des Lebens nicht mehr wahrgenommen werden können? Was sind die untrüglichen Anzeichen einer Depression und ab wann ist professionelle Hilfe wirklich notwendig?

Faktencheck Depression

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit und stellen eine enorme Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen dar. Im Gesundheitssystem werden immer höhere Erkrankungsraten verzeichnet (Spießl et al., 2006). Das Risiko für einen deutschen Erwachsenen, einmal im Leben an einer Depression zu erkranken, liegt bei schätzungsweise 20% (Wittchen & Hoyer, 2006). Da Depressionen meist phasenhaft verlaufen, spricht man auch von depressiven Episoden, die in unterschiedliche Schweregrade (leicht/mittel/schwer) eingeteilt werden können. Die Ursachen der Erkrankung sind vielfältig.

Genetische Faktoren, Stoffwechselstörungen, Stress, belastende Lebensereignisse und unzureichende Bewältigungsmechanismen beeinflussen sich wechselseitig. Es handelt sich um eine Krankheit, die immer noch oft verschwiegen wird und mit hoher Unsicherheit und Scham verbunden ist. Dabei sind Depressionen gut erforscht und behandelbar! Voraussetzung hierfür ist das richtige und frühzeitige Erkennen der Anzeichen einer Depression (Henkel et al., 2003).

Habe ich Depressionen?

Oftmals stellt sich die Frage: Bin ich in einem Stimmungstief oder liegt eine echte Depression vor? Eine Depression ist allerdings viel mehr als nur eine kurze Phase schlechter Stimmung oder Antriebslosigkeit. Der Zeitraum spielt bei der Diagnose eine entscheidende Rolle. So liegt eine Depression erst dann vor, wenn die Symptome länger als zwei Wochen auftreten. Das erste Anzeichen der Depression ist die depressive Verstimmung generell. Wer dabei nur an Traurigkeit denkt, denkt zu kurz. Es können negative Gefühle aller Facetten wie Wut, Ärger, Niedergeschlagenheit, Scham, Trotz oder Pessimismus auftreten.

Besonders hervorstechend sind Gefühle der Wertlosigkeit und Schuld. So sind depressive Personen oft überzeugt davon, dass sie als Mensch versagt haben, keinerlei Mehrwert für Freunde und Familie sind und ihr Umfeld nur belasten. Selbst wenn die erkrankte Person vorher eine wichtige Stütze für ihre Mitmenschen war bzw. auch immer noch ist, wird das von ihr selbst nicht mehr erkannt. Es können starke Schuldgefühle auftreten, das Leben nicht mehr „im Griff“ zu haben und seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können.

Wichtig: Auch eine Gefühlslosigkeit, innere Leere oder Starre können ein Hinweis auf eine Depression sein. Die ganze Mimik kann eingefroren und maskenhaft wirken. Die Betroffenen fühlen sich teilweise wie unter einer Luftglocke isoliert.

Der Verlust jeglicher Freude

Bei einer schweren Depression können das Interesse und die Freude an fast allen Aktivitäten vermindert sein. Selbst nahestehende Personen, Kinder oder geliebte Haustiere können kein echtes Lächeln mehr auf das eigene Gesicht zaubern. Lange gehegte Hobbys werden auf Eis gelegt. Oft berichten Betroffene von permanentem Grübeln, dass die Konzentration auf eine Aktivität unmöglich macht. Unaufhörliche, kreisende Gedanken gehören zu den häufigen Symptomen einer Depression. Hinzu kommt ein Gefühl der Müdigkeit und des Energieverlustes an fast allen Tagen der Woche.

„Mein Kopf arbeitete wie verrückt, ich grübelte bis es weh tat. Gleichzeitig war mein Körper leer: keine Emotionen, keine Kraft, keine Hoffnung.“

Zitat einer Betroffenen

Die tausend Gesichter einer Depression

Manche Depressions-Symptome sind charakteristisch und treten bei fast allen Patienten auf, vor allem die bereits besprochene depressive Verstimmung und der Verlust an Freude und Interesse. Trotzdem kann sich eine Depression von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich äußern. So sind einige Betroffene in ihren Bewegungen sehr verlangsamt und erscheinen wie gelähmt, andere wiederum sind eher hektisch, können kaum stillsitzen und fühlen sich von einer inneren Unruhe getrieben. Auch das Schlafverhalten kann ganz unterschiedlich sein: Entweder ist der Schlaf vermehrt und die Betroffenen würden am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen, oder der Schlaf ist deutlich verringert, da sie aufgewühlt und nervös sind. Der Appetit kann ebenfalls verringert oder gesteigert sein.

Bei einer Depression kann es daher zu einem Gewichtsverlust, oder aber zu einer Gewichtszunahme kommen. Wichtig ist also zu bedenken, dass eine Depression nicht zwangsläufig mit Lethargie und Verlangsamung einhergeht, wie viele Menschen klischeehaft denken, sondern sich auch in zum Teil gegenteiligen Verhaltensweisen äußern kann. Die Anzeichen für eine Depression können demnach zum Teil stark variieren.

Hoher Leidensdruck

Im Allgemeinen ist der Leidensdruck bei depressiv erkrankten Personen sehr hoch. Sie sind in ihrem alltäglichen Leben stark eingeschränkt und können ggf. ihrer eigentlichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen. Betroffene berichten von teilweise extremen Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten, die den Alltag behindern. Betroffene ziehen sich infolge der Symptome oft zurück und vermeiden Gesellschaft. Es entsteht ein Teufelskreis aus Isolation und einer weiteren Verschärfung der Symptomatik. Bei schweren depressiven Episoden sollten wiederkehrende Suizidvorstellungen niemals auf die leichte Schulter genommen werden. Liegt eine akute Bedrohung vor, sollten Angehörige oder Beteiligte nicht zögern, den Rettungsdienst (112) zu benachrichtigen!

Alle Symptome treffen zu: Und jetzt?

Eine Depression kann jeden treffen! Wichtig ist es daher, sich bewusst zu machen, dass viele verschiedene Faktoren einen Einfluss haben. Depressionen treten daher unabhängig von beispielsweise folgenden Faktoren auf:

  • Alter
  • Beruf
  • Geschlecht
  • Umfeld

Erkennen Sie bei sich oder bei Personen ihres Umfelds die Anzeichen einer Depression, so sollte eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung in die Wege geleitet werden. Der erste Gang kann dabei zum Hausarzt führen, der die erste Untersuchung übernimmt und alle weiteren Schritte einleitet. In den meisten Fällen entscheidet dann ein Facharzt für Psychiatrie, wie die Behandlung abläuft. Auch ein Psychotherapeut kann zurate gezogen werden.

Die medizinische und psychotherapeutische Forschung hat ergeben, dass sich bei schweren Depressionen die Kombination von Psychotherapie und Medikamenten als wirksam anbietet, während bei leichteren Erkrankungen oft die psychotherapeutische Arbeit genügt (Kirsch et al., 2008). Ob eine stationäre Behandlung sinnvoll ist, entscheidet ebenfalls der Facharzt. Auch Sie als Angehöriger können einige Dinge beherzigen, um dem Betroffenen unter die Arme zu greifen!

Ausschluss anderer Ursachen

Medizinische Ursachen für die Symptome einer Depression müssen vom Facharzt ausgeschlossen werden. So wird zum Beispiel die Schilddrüsenfunktion überprüft oder die Nebenwirkungen anderer Medikamente als Grund für die depressive Verstimmung ausgeschlossen. Auch der normale Trauerprozess nach dem Verlust einer geliebten Person muss als Ursache in Betracht gezogen werden. Depressive Symptome aufgrund von Trauer können bis zu zwei Monate bestehen, ohne dass die Diagnose Depression vorliegt.

Nicht zögern, sondern Hilfe suchen

Achtung: Je länger eine behandlungsbedürftige Depression sich verfestigt, desto schwieriger kann es sein, sie zu behandeln. Aber egal wie schwer die Erkrankung ist: Hoffnung auf Besserung besteht immer und die Wirksamkeit gängiger Therapieverfahren ist wissenschaftlich belegt (Wittchen & Hoyer, 2006). Die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen entwickelt sich immer weiter und auch das Bewusstsein in der Bevölkerung wächst. Nehmen Sie die Hilfe in Anspruch, die Ihnen zusteht und sagen Sie der Depression den Kampf an. Die kleinen und großen Freuden des Lebens warten um die Ecke, versprochen!

Quellenangaben

(1) Dilling, H., & Freyberger, H. J. (2012). Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. Bern (Huber).

(2) Henkel, V., Mergl, R., Schütze, M., Allgaier, A.-K., Kohnen, R. & Hegerl, U. (2003). Früherkennung depressiver Störungen in der Primärversorgung. Psychoneuro, 29, 35-39.

(3) Kirsch, I., Deacon, B. J., Huedo-Medina, T. B., Scoboria, A., Moore, T. J., & Johnson, B. T. (2008). Initial severity and antidepressant benefits: a meta-analysis of data submitted to the Food and Drug Administration. PLoS medicine, 5(2), e45.

(4) Spießl, H., Hübner-Liebermann, B. & Hajak, G. (2006). Volkskrankheit Depression. Deutsche Medizinische Wochenschrift, 131, 35-40.

(5) Wittchen, H.-U. & Hoyer, J. (2006). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Berlin-Heidelberg: Springer.

Kategorien: Depressionen

Dr. med. Kjell R. Brolund-Spaether
Ärztlicher Direktor und Chefarzt Dr. med. Kjell R. Brolund-Spaether
Dr. med. Kjell R. Brolund-Spaether ist renommierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, bei dem stets der Mensch im Mittelpunkt steht: Dank seiner individuell abgestimmten, ganzheitlichen Behandlungspläne verbessert und personalisiert er die psychiatrische Versorgung kontinuierlich. Seine umfassende Expertise in der psychotherapeutischen und medikamentengestützten Behandlung erlangte er durch sein Studium der Humanmedizin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, spezialisierte Weiterbildungen sowie seine langjährige Erfahrung in führenden Positionen. Seit 2019 ist Dr. med. Brolund-Spaether als Chefarzt und seit 2023 als Ärztlicher Direktor der LIMES Schlosskliniken AG tätig. 2024 trat er unserem Vorstand bei.

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