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So jung und schon depressiv?

An Depressionen leiden nicht nur ältere Menschen. Auch junge Erwachsene sind immer häufiger von Depressionen betroffen. Die Zahlen zeigen, dass in Deutschland jeder zehnte junge Mensch im Alter von 15-29 Jahren depressive Symptome aufweist (Hapke et al., 2019; Busch et al., 2013). Nimmt man alle weiteren psychischen Erkrankungen hinzu, dann gab es im Zeitraum 2005-2016 eine Zunahme der Diagnosen um 38% (Barmer Arztreport, 2018).

Warum junge Menschen immer häufiger depressiv werden

Schulabschluss, der Umzug in die ersten eigenen vier Wände, Studium- oder Ausbildungsbeginn, neue Stadt, neue Freunde. Im Alter von 20 – 30 Jahren beginnen die meisten Menschen ein eigenes, selbstbestimmtes Leben. Das ist zwar sehr aufregend, kann aber auch zur Überforderung und einer gewissen Haltlosigkeit führen. In einer solchen Umbruchsphase ist die Psyche verletzlicher. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, steigt.

Exkurs: Habe ich eine Depression? Eine Depression zeigt sich durch folgende Hauptsymptome: Niedergeschlagenheit, der Verlust jeglicher Freude und Interessen, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit. Bestehen diese Symptome länger als zwei Wochen, dann sind sie ein Warnzeichen für eine Depression und müssen ernst genommen werden. Hier können Sich weiter über die Symptome einer Depression informieren.

Stress in vielen Lebensbereichen = erhöhtes Depressionsrisiko

Stressreiche Lebensumstände und viel Veränderung begünstigen das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Junge Menschen müssen besonders viele Anforderungen in unterschiedlichen Bereichen händeln. Hierzu gehören unter anderem:

Mit der steigenden Selbstständigkeit entfernt sich das „Sicherheitsnetz Familie“, sofern es in der Kindheit und Jugend vorhanden war. Die Eigenverantwortung nimmt zu. Nicht jeder junge Mensch ist dem gewachsen und bringt die notwendigen Ressourcen, wie Planungsfähigkeit, Organisation, Haushaltsführung, etc., mit. Auch der Kontakt zu alten Freunden wird, z.B. aufgrund eines Umzugs schwerer. Der Aufbau eines stabilen sozialen Netzes ist eine der vielen Herausforderungen im Leben junger Menschen und zugleich ein Risikofaktor für Depressionen.

Was soll aus mir werden? Wie will ich Geld verdienen? Finde ich einen sicheren Job, der mich auch noch erfüllt? Es besteht eine Vielzahl an Möglichkeiten und gleichzeitig besteht der Druck, genau sein „Ding“ zu finden und sich selbst zu verwirklichen. Arbeit ist ein zentraler, identitätsstiftender Teil des Lebens und so steigt der Druck möglichst schnell seinen Traumjob zu finden. Durch stetige Konkurrenz herrscht immer mehr Leistungsdruck in Ausbildung und Studium. Wer auf dem Arbeitsmarkt bestehen möchte in Zeiten von hoher Fluktuation, befristeten Verträgen und kriselnder Wirtschaft sollte besser zur Elite gehören und sich durch Leistung abgrenzen.

Junge Menschen befinden sich in einer Phase der Persönlichkeitsentwicklung. Wer bin ich und wer will ich sein? Wo ist mein Platz in der Welt? Es herrscht ein gesellschaftlicher Druck zur Selbstverwirklichung. „Sei die beste Version deiner selbst“ – so das Credo. Es entsteht ein Perfektionsdruck – der sich nicht zuletzt durch unrealistische Vorbilder in den sozialen Medien entwickelt. Dieser hohe Perfektionismus steht mit einer erhöhten Gefahr für Burnout und Depressionen im Zusammenhang (Spitzer, 2016).

Wir sind in Beruf und Alltag hohem digitalen Stress ausgesetzt. Ständige Erreichbarkeit ist besonders bei jungen Menschen eine Selbstverständlichkeit. Zudem wird das „perfekte“ Leben per Social Media vermittelt, was den ständigen Vergleich mit anderen begünstigt. Nicht zuletzt entstehen so unrealistische Körper- und Lifestyle-Ideale. Die daraus resultierende Unzufriedenheit mit sich selbst und die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit können zu depressiven Verstimmungen führen.

So viel junge Menschen auch lernen und erleben, eine Fähigkeit geht vielen abhanden: sich zu entspannen und sich und dem Körper Ruhe zu gönnen. Fehlen über einen längeren Zeitraum die Ruhepausen, so wird der Akku immer leerer. Burnout und Depressionen können die Folgen sein. Eine weiteres, nicht zu unterschätzendes Risiko für Depressionen, ist Drogen- und Alkoholmissbrauch, welcher oft im jungen Alter beginnt.

In der westlichen Welt herrscht der sogenannte Individualismus, d.h. das Individuum ist wichtiger als die Gesellschaft. Das führt zur Unabhängigkeit auf der einen Seite. Auf der anderen Seite kann es aber auch zur Haltlosigkeit und Einsamkeit führen. Diese Tendenz zum Individualismus verstärkt sich seit Jahrzehnten. Da wir Menschen aber soziale Wesen sind, kann uns der Zusammenhalt in der Gesellschaft fehlen.

Das Konzept des Mental Loads gibt es erst seit kurzem und bedeutet „ein voller Kopf“. Voll mit Verpflichtungen, Kontaktpflege, Karriereplanung, Selbstoptimierung, Perfektionsansprüchen, Ängsten, Aufgaben… Der Verstand kommt nicht mehr zur Ruhe –Ständiges Grübeln steht an der Tagesordnung und erhöht das Depressionsrisiko. Mehr zu Mental Load erfahren sie hier.

Depressionen haben viele Ursachen

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass die Erkrankungszahlen bei jungen Erwachsenen steigen. Allerdings ist immer Vorsicht vor voreiligen Schlüssen geboten: Nicht alle dieser möglichen Erklärungen sind ausreichend wissenschaftlich untersucht, um sagen zu können, ob und wie viel Anteil sie an der erhöhten Depressionsraten haben.

Wichtig: Hinzu können allgemeine Risikofaktoren für Depressionen kommen. Zum Beispiel ein genetisches Risiko für Depressionen innerhalb der Familie, chronische körperliche Erkrankungen und gewisse Persönlichkeitseigenschaften genannt. Auch andere psychische Störungen wie Angst- oder Zwangsstörungen erhöhen das Risiko, zusätzlich an einer Depression zu erkranken.

Depressionen und psychische Erkrankungen schaffen immer noch ein ungutes Gefühl in uns und wir sind bei dem Thema nicht vollkommen unbefangen. Positiv ist, dass das das Thema Depressionen in den sozialen Medien immer mehr diskutiert wird und so gerade junge Menschen für das Thema sensibilisiert werden.

Auf diese Weise verlieren psychische Erkrankungen wie Depressionen ihr Stigma. Menschen suchen sich schneller Hilfe, denn sie wissen, z.B. durch die geteilte Erfahrung von Influencern, dass Depressionen immer besser zu behandeln sind. Psychische Krankheiten erfahren zunehmend die gleiche Akzeptanz wie körperliche Krankheiten.

Social Media Trends gegen Depressionen?
Vielleicht findet gerade ein Sinneswandel statt – weg von Selbstoptimierung, Perfektion und Leistungsdruck. Schlagwörter wie Body Positivity, Akzeptanz, (Selbst)-Wert, Menschlichkeit und Achtsamkeit begegnen uns immer häufiger. Es ist zu hoffen, dass es nicht nur bei einem Trend bleibt! Junge Menschen können eine Veränderung im Umgang mit sich selbst und ihre Ressourcen brauchen, um besser gegen Depressionen und andere psychische Krankheiten geschützt zu sein.

Autor/in:
Friederike Reuver

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