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Was es bedeutet, unter einer psychotischen Störung zu leiden?

„Eigentlich war alles in Ordnung. Klar, die Arbeit war stressig und meine Tage waren lang. Aber ich kam soweit gut klar und es lief alles seinen gewohnten Gang. Schlag auf Schlag veränderte sich aber mein Wohlbefinden. Mein Schlaf wurde schlechter, meine Konzentration ließ nach und ich fühlte mich leer. Die Situation verschlimmerte dann sehr schnell. Ich war permanent unter Strom. Unruhig, zerfahren und mit zittrigen Händen konnte ich kaum noch meiner Arbeit nachgehen. Und dann kamen die Gedanken: „Mein Chef kontrolliert mich. Er hat seine Spione überall. Er gehört zu einem geheimen Bund, der mich fertig machen will. Er hat Kameras in meiner Wohnung installiert. Seine Komplizen belauschen mich…“. Meine Angst und Verzweiflung wurden so groß, denn ich war überzeugt, dass meine Gedanken die Realität sind. Dann eskalierte die Situation. Beherrscht von meinem Wahn, dass mein Chef mich ausspioniert, nahm ich meine ganze Wohnung auseinander, auf der Suche nach Wanzen und Kameras. Danach floh ich ohne jegliche Vorbereitung und fuhr mit dem Zug durch quer durch Deutschland. Schließlich wurde ich von der Polizei aufgegriffen und in ein Krankenhaus eingeliefert. Gott sei Dank konnten die Ärzte mir sehr schnell helfen. Jetzt arbeite ich daran, das Geschehene einzuordnen: Welche Belastungen haben dazu geführt, dass sich meine Psychose entwickelte? Was kann ich tun, damit es nicht wieder passiert? Mittlerweile bin ich stabil. Meine Medikamente wirken gut und ich fühle mich bei meinen Therapeuten gut aufgehoben. Ich bin zuversichtlich, bald wieder in den Alltag einsteigen zu können.“

Christian T., 34, über seine psychotische Störung im Sommer 2018

Symptome einer akuten psychotischen Störung

Christians genaue Diagnose lautete: akute vorübergehende psychotische Störung. Die Erkrankung hat einen relativ abrupten Beginn und meistens auch ein abruptes Ende. Sie vollzieht sich in einem Zeitraum von wenigen Wochen bis hin einem Monat. Nachdem die Symptome abgeklungen sind, werden die Patienten in den meisten Fällen wieder vollständig gesund.

In Christians Bericht werden schon einige Symptome deutlich. Eine akute psychotische Störung äußert sich auf den Ebenen der Emotionen und des Verhaltens. Hinzu kommt es zu Veränderungen der Gedanken und der Wahrnehmung. Insgesamt ist das normale Verhalten so stark verändert. dass die Erkrankung Angehörigen und Freunden kaum verborgen bleibt.

Insgesamt können folgende Symptome auf eine akute psychotische Störung hinweisen:

Symptome auf der emotionalen Ebene
• Ratlosigkeit und Verwirrtheit
• emotionale Aufgewühltheit
• Angst und Reizbarkeit, aber auch Phasen der Ekstase möglich
• Vielgestaltigkeit und Unbeständigkeit der Gefühle
• Gedankenrasen

Symptome auf der Verhaltensebene
• Störung des normalen Verhaltens, Fachleute sprechen von desorganisiertem Verhalten
• zerfahrene und unverständliche Sprache

Veränderung von Gedanken und Wahrnehmung
• akustische Halluzinationen: Stimmen oder Geräusche hören, die nicht vorhanden sind
• optische Halluzinationen: Dinge, Personen oder Phänomene sehen, die nicht vorhanden sind
• Wahnideen und Wahngedanken: Aufdrängende Gedanken oder Geschichten, die als wahr empfunden werden, es aber objektiv nicht sind

Natürlich handelt es sich bei Christians Erkrankungsverlauf nur um ein Beispiel, wie die akute psychotische Störung verlaufen kann. Die Inhalte der Halluzinationen oder Wahnideen können sich bei anderen Betroffen ganz anders gestalten. Beispiele sind religiöse Wahnvorstellungen, Größenwahn oder befehlende Stimmen.

Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Die akute vorübergehende psychotische Störung zeigt Überschneidungen mit anderen Störungsbildern. Vor allem die Schizophrenie kann sich sehr ähnlich äußern. Bei einer Schizophrenie kommt es aber zusätzlich zu Phasen starker Apathie und Depressivität, die sich mit wahnhaften Phasen abwechseln. Außerdem halten die psychotischen Episoden in der Regel wesentlich länger an als bei der akuten psychotischen Störung.

Zudem müssen Psychosen vom sog. „Delir“ abgegrenzt werden. Er steht für geistige Verwirrung und bizarres Verhalten, welches aber im Zusammenhang mit starkem Alkoholmissbrauch, Entzugssymptomen oder hohem Alter entstehen kann.

Häufigkeit und Risikofaktoren

Im Vergleich mit anderen psychischen Erkrankungen, z.B. Depressionen, sind akute Psychosen relativ selten. 1 -2 % der Bevölkerung erkranken in ihrem Leben einmal daran, bei der Depression sind es 8,2%. Es gibt Risikofaktoren, die die Entstehung einer Psychose begünstigen können. Hierzu gehören vor allem Drogenkonsum, ungewöhnlich starke psychische Belastung, Häufung an Psychosen in der Verwandtschaft und andere psychische Erkrankungen, wie z.B. schwere Depressionen oder bipolare Störungen.

Behandlung der psychotischen Störung

Bemerken Sie bei sich selbst oder bei einem Angehörigen Warnsignale einer beginnenden psychotischen Episode, so sollten Sie schnellstmöglich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Der Hausarzt ist immer eine gute Ansprechperson. Bei akuten Fällen, bei der die Möglichkeit einer Selbst- und Fremdgefährdung besteht, kann man sich entweder an den Notdienst (Rufnummer 112) wenden oder an für den Wohnort zuständige psychiatrische Klinik. Ein Facharzt für Psychiatrie nimmt dann die medikamentöse Versorgung in die Hand. Es muss differentialdiagnostisch abgeklärt werden, welche Erklärungen für die Entstehung der psychotischen Episode in Betracht gezogen werden können. Es werden dann vorrangig Antipsychotika, aber auch beruhigende Medikamente eingesetzt.

Psychotherapeutische Betreuung
Eine psychotherapeutische Betreuung sorgt nach der ersten Stabilisierung dafür, dass die Phase der Erkrankung verarbeitet werden kann. Betroffene leiden häufig sehr unter den Erinnerungen an die Psychose und können nur schwer fassen, was passiert ist. Außerdem werden Strategien im Umgang mit der Erkrankung entwickelt. Hierzu gehören beispielsweise Stressmanagement, Rückfallprophylaxe und Psychoedukation, d.h. die Vermittlung von Wissen über psychotische Erkrankungen.

Die Ängste Betroffener wahrnehmen
Wie im Fall von Christian kann eine akute vorübergehende Psychose mit starken Ängsten und Panik verbunden sein. Dies ist für die Betroffenen stark belastend. Man sollte auf diese Ängste eingehen und die Gründe hierfür erforschen. Ein mitfühlendes und akzeptierendes Verhalten gibt den Betroffenen den Raum, sich mitzuteilen.

Christian geht es mittlerweile wesentlich besser. Er ist noch erschrocken darüber, was ihm wiederfahren ist. Trotzdem kann er der Erkrankung auch etwas Gutes abgewinnen. Er hat gelernt, viel mehr auf sich und seine Bedürfnisse zu achten. Mithilfe seiner ambulanten Psychotherapie baut er diese Fähigkeit weiter aus, um sein Leben in eine gute Balance zu bringen.

Autor/in:
Friederike Reuver

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